» Claudius - Bote «

Ausgabe 14/4 – Juni/Juli 2004

 

Inhaltsverzeichnis

 

· Anstelle eines Editorials

· Matthias Claudius

· Toleranz

· Matthias Claudius

· Traktat über die Vorsilbe Frei

· Matthias Claudius

· wichtiger Auftakttermin

· Zu guter Letzt

 

*

 

Vielleicht hat der Weise damit sogar unsere »Arbeit« gemeint.

 

Wenn du eine Stunde lang glücklich sein willst - schlafe.

Wenn du einen Tag lang glücklich sein willst -  geh‘ fischen.

Wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst - habe ein Vermögen.

Doch wenn du ein Leben lang glücklich sein willst  -  liebe deine Arbeit.

 

*

Anstelle eines Editorials

 

Logenferien, sind eigentlich keine Erholungspause - wovon auch? - aber gewissermaßen so eine Art Ferien vom Ich. Nachfolgende Traktate sollen schon wieder ein wenig einstimmen auf die spannende Fortsetzung in der zweiten Hälfte des vor uns liegenden Logenjahres - das ja mitten in den Ferien beginnt.

 

Toleranz und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft, aber ganz besonders auf uns selbst und unser persönliches Umfeld, wird für die kommenden Jahrzehnte die immer fühlbarer werdende Auswirkung der Globalisierung und ein mit Sicherweit ein uns alle intensiv beschäftigendes Thema sein. Seien wir uns bewusst, dass die Freimaurerei bereits von Anbeginn eine weltumspannende, eine globale Vereinigung ist. Sie liegt also im Trend - und sollte schon von daher mehr Anhänger finden. Umso wichtiger ist es, sich zur Toleranz so seine Gedanken zu machen, die eigene Position ungeschminkt gegenüber sich selbst auszuloten, um sie möglicherweise weiter auszubauen oder auch zu revidieren. Zu diesem Thema gibt es kaum feste Linien, aber Grundsätze und moralisch-ethische RichtSchnüre und Anregungen zur Orientierung, die zum einen von den Religionen, aber auch von Philosophen und anderen, nachdenklichen Geistesgrößen vorgedacht sind. Ein Essay ist diesem Thema gewidmet, ab Seite 2.

 

Bei den fast Lebensbestimmenden Inhalten, die alle mit der Silbe Frei in Verbindung zu bringen sind, ist höchste Sensibilität gefordert. Leidet sie, ist alle Toleranz für die Katz, ufert sie aus, ebenfalls. Erstrebenswert ist sie aber allemal. Die Grenzen der Freiheit, der Drang nach ihr, liegen wohl kurz vor der Anarchie. Ein Traktat dazu ab Seite 5.

 

*

Die Liebe

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich

Matthias Claudius

*

 

Toleranz

 

Das Thema Toleranz ist so allumfassend, dass hier nur ein kleines Fenster aufgestoßen werden kann, denn fast jeder versteht im täglichen, im praktischen Leben unter Toleranz etwas Anderes. Aber jeder spürt, dass Toleranz mit Lebens bestimmend ist. Toleranz ist also eine Empfindung aus uns heraus, eine, die von Kultur und Religion und von der jeweiligen Gesellschaft geformt und geprägt.

 

Beginnen wir ganz sachlich mit der Technik. Dort sind Toleranzen auf das genaueste festgelegte Spielräume. Doch im Umgang miteinander gibt es so etwas leider nicht. Ein wenig kann uns der immer gern bemühte Duden weiter helfen, der Toleranz als Duldung, Duldsamkeit, Entgegenkommen definiert.

 

Schaut man in das für Informationsbeschaffung prädestinierte Internet, stößt man zum Thema Toleranz auf dermaßen viele Homepages und Vereinigungen, die den Begriff Toleranz im Titel führen - sogar auf eine, die sich „Verein der Toleranz im Zusammenleben von Rauchern und Nichtrauchern“ nennt, dass man sich eigentlich zufrieden zurück lehnen könnte, mit dem beruhigenden Gefühl, alle Menschen wissen ja was Toleranz ist und leben sie wohl auch. Was kann da also noch schief gehen? Doch Zweifel sind angebracht, denn es gibt kein Patentrezept für gelebte Toleranz, nur Definitionen. Und die zu Hauff:

 

Die Wissenschaft drückt sich wie immer etwas kompliziert aus:

»Unter Toleranz versteht man den Zustand eines Systems, in dem eine von einer störenden Einwirkung verursachte Abweichung vom Normalzustand keine Gegenregulierung oder Gegenmaßnahme notwendig macht oder zur Folge hat.«

 

Dazu wäre anzumerken, dass Toleranz sicherlich nicht formalistisch zu greifen ist und sich damit auch jeglicher Regulierung entzieht, was für Verordnungen und Gesetze aber die erforderliche Voraussetzung sein muss.

 

Kardinal Franz König drückt die Toleranz religiös betont wie folgt aus:

»Die Toleranz ist das Licht, das den Weg erhellt.« (Ein wunderschöner Gedanke.)

 

Der Philosoph Nikolaus Lobkowicz wird da schon praktischer:

»Toleranz beweist sich gerade dann, wenn man sich einbildet, die Ansicht des anderen nicht länger befürworten zu können, nicht einmal den Umstand dass diese anders ist.«

Hieraus spricht die Forderung nach Duldung und der Anspruch des Passiven.

 

Ein anderer, Felix Unger, sagt:

»Toleranz bedeutet, den Anderen aus dem Herzen heraus zu verstehen - ein tolerantes Herz kennt keine Gewalt.«

Das ist Weg und Weisung, nach der man sich richten kann. Schließlich ist hier das Herz, also die Empfindung angesprochen

 

Die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste meint weitgesteckt:

»Toleranz bedeutet das Akzeptieren der Menschenrechte.«

Das ist ein politischer Anspruch, dem sich weltweit alle unterzuordnen haben.

 

Sie alle haben auf ihre Weise recht, und zeigen uns, wie weit gefächert man Toleranz verstehen und umschreiben kann. Die Grundeinstellung hierzu ist zumindest in unserem Kulturkreis unteilbar - so etwa wie Moral, unter der Toleranz im weitesten Sinne mit einzuordnen wäre.

 

Oder sollten wir es mit Wilhelm Busch halten, der vor über hundert Jahren sagte: „Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber Intoleranten!“ Hat er recht oder ist das nur ein zu belächelnder Aphorismus? Er liegt wohl richtig, denn Toleranz hat da ihr Ende, wo ein Mensch oder eine Gruppe, die sich in Toleranz üben, erkennbar diese Geisteshaltung durch sich abzeichnende Intoleranz gefährdet sieht. Hier ist nämlich Selbstachtung bis hin zur Selbstbehauptung angesagt, die allerdings dazu dienen muss - und hier kommt dazu das unbedingt kompromisslose Einhalten des Pfades -, die Toleranz zu erhalten. Wo die Grenze verläuft, ist das eigentliche Geheimnis. Das Limit setzt jeder selbst. Und da kann es zu sehr unterschiedlichen Auffassungen kommen. Also gibt es keine allgemeingültige Festlegung. Toleranz wird letztlich gestaltet und verantwortet, ja auch geprägt von der jeweiligen Person und natürlich der Kultur und Religion, sowie der moralischen Haltung, der sie entstammt und in deren Umfeld sie ausgeübt wird.

 

Viele verwechseln allerdings Akzeptanz und Liberalität mit Toleranz. Akzeptanz ist ein Art Fundament um Zusammenleben überhaupt erst zu ermöglichen. Liberal zu sein hingegen heißt, auch störende Dinge ohne großes Wenn und Aber zu akzeptieren, ist damit aber nur so eine Art Vorstufe von tolerant. Nehmen wir nur ein aktuelles Beispiel aus der Tagespolitik, die inzwischen unter großen Mühen ein Einwanderungsgesetz formuliert hat. Hier ist schon im Vorwege über die Toleranz der Gesellschaft das Formalistische Grundbestandteil. Ein solches Gesetz ist praxisnah zu schaffen und soll die latent vorhanden Furcht vor Überfremdung besänftigen und der Toleranz zugleich eine Schneise öffnen. Dieses Gesetz kann dennoch nur weitgehend Bestehendes in juristische Formen gießen.

 

Der Bürger, setzt sich bereits täglich mit Einwanderern auseinander. Mit anderen Worten, viele sind bereits gefordert, tolerant zu sein - und sie meistern diese Anforderung hervorragend. Ganz einfach auf eine Formel gebracht: Unter uns leben bereits zahlreiche Einwanderer, die sich hier wohl fühlen - eben weil sie toleriert werden. Das heißt noch längst nicht, dass wir sie lieben müssen, mit Würde achten allerdings. Natürlich sind die Ewiggestrigen nicht zu vergessen, die immer wieder von sich reden machen. Sie sind zwar nur eine verschwindende Minderheit, neigen aber leider zu Exzessen, die dann die Medien als gut verkäufliche »bad news« freudig aufgreifen. Bei all dem dürfen wir schließlich auch nicht vergessen, dass es noch nicht allzu lang her ist, als eine nicht genehme Abkunft, ja auch nur ein Andersdenken, mit dem Tode geahndet wurde. Bis auf wenige Entgleisungen üben sich die Menschen also bereits in Toleranz. Bleiben wir dennoch aufmerksam, aber bewerten wir die Übeltäter auch nicht über - sowohl qualitativ als auch quantitativ.

 

Seien wir ehrlich, es kostet Überwindung, entgegenkommend gegenüber Fremdartigem zu sein, wenn wir feststellen, dass unser Nachbar andersgläubig ist, sich anders kleidet, andere Essgewohnheiten hat, ja sogar Essvorschriften beachtet, die andere mild belächeln. Sie feiern andere Feste - die türkischen Kurden und Perser beispielsweise am 22. März ihr höchstes Fest Nowrus, unser Frühlingsanfang. Es ist Jahrtausende alt und hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun hat. Das alles muss uns ja nicht weiter betreffen, denn die meisten unter uns erleben Andersartigkeit überwiegend aus der Distanz. Toleranz üben müssen wir ja erst, wenn sie hautnah an uns herantritt. Aber welche Haltung nehmen wir dann ein, wenn unsere Kinder in eine Schulklasse gehen, in der die ABC-Schützen überwiegend kein Deutsch sprechen? Ist es zumutbar, dann die Position eines Duldsamen, noch besser eines Toleranten einzunehmen? Zumal, wenn der andere sich weigert, sich zu integrieren? Seinen Töchtern verbietet, aus religiösen Schamgefühl, am Sportunterricht teilzunehmen? Um es gleich vorwegzunehmen, die Antwort bleibt offen.

 

Ein Außenhandelskaufmanns muss sich schon von Berufswegen in Toleranz üben. Er hat den Anderen nicht nur zu respektieren, sondern ihm auch – bezogen auf seine andere Lebenshaltung, Verständnis für seine Religion und die bisweilen sogar unverständlichen Gepflogenheiten, ein Höchstmaß an Duldsamkeit entgegenzubringen. Ohne dabei seine Identität zu verleugnen. Manchmal eine Gratwanderung, die nur bei bestmöglicher Einstellung zur Toleranz zu meistern ist. Aber, auch der passiv billigende darf von seinem Mitmenschen Toleranz erwarten. Erst die gegenseitige Tolerierung, also die immanent wichtige Wechselbeziehung schafft die Basis störungsfreien Zusammenlebens.

 

Ein weiser Derwisch in Isfahan hat in einem Gespräch über Religionen einmal gesagt: „Weist Du, Adam heißt Mensch. Und Allah - Er sei gepriesen - hat unter anderem den Menschen erschaffen. Deshalb erwartet der Allerhöchste von uns, dass wir sein Werk, seinen Adam, also unseren Mitmenschen Respekt, Zuneigung und Liebe entgegen bringen. Wenn wir Letzteres schaffen, ist nicht mehr nötig.“ Der Alte hat recht, denn gelebte Philanthropie Toleranz beinhaltet Toleranz und all das, was er in seiner Aussage zusammengefasst hat. Sie ist Anfang und Ausgangspunkt zur Nächstenliebe, die ein Kerninhalt des Christentums ist. Er hat übrigens dann noch hinzugefügt: „Toleranz zu üben ist wie Blumen gießen. Wenn Du sie vernachlässigst, verdorrt alles.“

 

Toleranz wird in vieler Munde geführt, und auch wirklich praktiziert. Oft allerdings ist sie nur ein Lippenbekenntnis, denn da wo sie einem Einschränkung oder gar Verzicht abfordert, wo seine Kreise gestört werden, fängt so mancher an, sich herauszureden. Doch auch diejenigen, die fest überzeugt sind, tolerant zu sein, haben so ihre Zweifel mit sich. Selbstkritisch fragen sie sich „Wie weit reicht meine Toleranz. Beginnt hier an diesem für mich so ungeheuer wichtigen Punkt nicht schon die Selbstaufgabe? Gar Selbstverleugnung? Oder muss ich nicht noch toleranter sein? Wo ist die Trennlinie? Wo mache ich mich zum Affen und lass mit mir Unrecht geschehen? Toleranz beschränkt sich also beileibe nicht nur auf Definitionen, wie eingangs erwähnt. Sie ist vielmehr ein Zustand, der nicht nur aktiv, sondern auch passiv ausgeübt werden muss, denn ich lasse etwas zu. Toleranz ist also für jeden steigerbar aber auch reduzierbar. Toleranz hat also zwei Facetten: Zum einen entspringt sie meiner Einstellung - zum anderen unterliegt sie der Beurteilung meines Gegenübers. So kommt es unweigerlich zum Lavieren zwischen den Positionen - mit der Erwartung an beide, tolerant miteinander zu verfahren. Das heißt bisweilen auch, Verzicht zu üben - für beide.

 

Überall fallen Grenzen, werden Schranken aufgehoben, Informationen rasen im world wide web um den Globus, kurzum: Die Welt steht offen wie nie zuvor. Die Menschen werden sich auf allen Ebenen begegnen - immer häufiger, immer intensiver und immer unmittelbarer. Abgesehen von der Herausforderung an den Einzelnen, wird das Üben von Toleranz zu einer der größten und anspruchsvollsten Aufgaben. Ein Patentrezept hierfür gibt es nicht - nur einen Vorteil, denn wir als Freimaurer haben: Toleranz ist eo ipso eines unserer freimaurerischen Ziele, auf unserem Weg der Königlichen Kunst.

 

 

Der Bauer, nach geendigtem Prozeß

 

Gottlob, daß ich ein Bauer bin;
Und nicht ein Advokat,
Der alle Tage seinen Sinn
Auf Zank und Streiten hat.

Und wenn er noch so ehrlich ist,
Wie sie nicht alle sind;
Fahr ich doch lieber meinen M...
In Regen und in Wind.

Denn davon wächst die Saat herfür,
Ohn Hülfe des Gerichts;
Aus nichts wird etwas denn bei mir,
Bei ihm aus etwas nichts.

Gottlob, daß ich ein Bauer bin;

Und nicht ein Advokat!

Und fahr ich wieder zu ihm hin;

So breche mir das Rad!

 

*

 

Traktat über die Vorsilbe FREI

 

Auffälligerweise wird dem Namen unseres Ordens die Silbe Frei vorangestellt. Deshalb ist es sicher interessant, dem Wort Frei und seiner Bedeutung ein wenig auf den Grund zu gehen, denn da das Frei im Terminus Frei-Maurer eher unscheinbar wirkt, wird es vielfach überhört. Doch es steht für etwas absolut Unverzichtbares, dem höchste Beachtung zu schenken ist.

 

Weltweit nennen wir uns Frei-maurer, Free-masons oder Franc-maçons. Die Russen sagen übrigens ganz Französisch Masson und verzichten auf die Vorsilbe Franc. Frei ist in allen Wortverbindungen der großzügigste und wohl auch anregendste Teilaspekt. Frei zu sein, frei zu denken, frei zu reden, Freiraum zu nutzen, sich frei entfalten zu können, um ungehindert Neues in sich aufzunehmen, über Freizeit zu verfügen, vor allem aber ungezwungen in Freiheit leben und denken zu können, sind unveräußerbare Errungenschaften der heute oft bemühten Lebensqualität. Mit einem Wort, Frei ist für alle Menschen etwas Fundamentales.

 

Bei seiner indogermanischen Sprachwurzel gepackt, bedeutet die unscheinbare Silbe Frei soviel wie schützen, schonen, auch lieben. Erkennbar ist letzteres bis heute in dem allerdings nur noch in der Poesie gegenwärtigen, altdeutschen Wort »freien« für umwerben, mit dem Ziel zu ehelichen. Und deren Basis ist bekanntlich die Liebe. Die Silbe Frei hat demnach auch eine liebende Komponente - womit man vielleicht die zugegebenermaßen etwas waghalsige Brücke schlagen könnte, das Freisein zu den Mysterien gehört. Schließlich beschäftigen sich die Mythen fast aller Völker mit der Freiheit, der persönlichen und der gemeinschaftlichen. Doch hundertprozentig erklärbar ist der Zustand Frei nicht, zumal er ausschließlich individuell empfunden wird. Wo der eine sich noch völlig frei fühlt, meinen andere, bereits erheblich in ihrer Freiheit eingeschränkt zu sein. Freiheit kann man dennoch definieren: Ethisch ist sie das Recht, sowie die Wahrnehmung und die Verpflichtung des Menschen zum Ausdruck seines freien Willlens, philosophisch die Fähigkeit zur Entscheidung - wie auch immer sie ausfällt.

 

 

 

Passiv gesehen ist Freisein ein unerklärbares Gefühl. Aktiv hat es etwas mit Befreiung zu tun. Einem solchen Akt geht Widerspruch gegen ein bestehendes, zu eng geschnürtes Korsett voraus. Und die wesentlichste Vorbedingung, dieses zu öffnen, ist die Freiheit der Gedanken. Einmal praktiziert, folgt ihr auf dem Fusse, dass der Mensch sich frei gemäß seinen Veranlagungen entwickeln will. Für dieses Lebensbedürfnis setzt er alle Hebel in Bewegung und nimmt jedes Risiko auf sich - bis hin zur physischen Vernichtung.

 

Die freien Handwerker der hochmittelalterlichen Bauhütten - gewissermaßen die Keimzelle unseres Ordens - hatten ihre liebe Not, in den absolutistischen Staatsgefügen ihre relative Freiheit zu bewahren. Mit Zeichen und Losungen schirmten sie sich ab vor Übergriffen, insbesondere vor denen der Herrschenden, deren Kontrolle sie schon allein durch ihre Handwerkskunst entzogen waren. Über Jahrhunderte schützten sie wirkungsvoll ihr Freiseins. Dieses Abschotten gegen von Aussen drohendes Ungemach ist als eine der freimaurerischen Traditionen bis heute bei uns Brauch. Sie steht meines Erachtens demnach auch als symbolische Mahnung gegen jede Unfreiheit, denn unser Orden will frei von Einfluss, seine Mitglieder wollen freie Männer, freie Maurer sein.

 

Als der Adel im ausgehenden Mittelalter das Landvolk immer mehr bedrückte, und die Bauern die Steuerlast nicht mehr leisten konnten, wichen sie aus in die keinen Fürsten Untertanen, freien Reichsstädte. Unsere Matthias-Claudius-Loge arbeitet in einer, die sich traditionsbewusst Freie und Hansestadt nennt. Ihr Titel ist eine Reminiszenz dieser Zeit, aus der auch der damals sich wie ein Lauffeuer verbreitende Aufruf stammt: »Stadtluft macht frei!«. Gemeint war frei von Frohen. Die Gedanken hingegen blieben noch lange im Vorbestimmt-Religiösen verhaftet, wie wir am berühmten Beispiel des Astronomen und Physikers Galileo Galilei (1564-1642) sehen. Er war ein Freidenker, der sich massive Scherereien einhandelte, denn seine umwälzend modernen Erkenntnisse liefen dem damaligen Weltbild und somit dem Herrschaftsanspruch des Klerus‘ diametral zuwider. So zwang er den hoch geachteten Gelehrten zum Widerruf. Ob Galilei im Nachhinein wirklich äußerte „und sie bewegt sich doch“ ist umstritten, offenbart aber den Drang nach Gedankenfreiheit. In den Jahrhunderten danach entwickelte sich dann die Idee der Freimaurerei und wuchs sich aus zu einer nationenübergreifenden Vereinigung, die sich das Prädikat Frei aufs Panier heftete. Bis dahin war es freilich ein langer und beschwerlicher Weg, denn noch bis zum Beginn des 19. Jhd. unterschied man zwischen Freien und Unfreien, zwischen Hochwohlgeborenen und Hörigen, meist ins Zinsknechtschaft stehenden. Hier sei an den Freimaurer und Reformer Karl Freiherr vom und zum Stein erinnert, der die Bauern Preußens durch ein Edikt seines Königs, Friedrich Willhelm, 1807 von der Leibeigenschaft befreite.

 

Freiheitsgarantien sind vielfach für uns verbrieft: Die UNO-Charta, legt in ihrer Präambel fest „... den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern ...“. Demnach wäre die übliche bereits weltweite Praxis, was aber leider nicht der Fall ist. Unser Grundgesetz garantiert einen Stapel von Freiheiten: die freie Meinungsäußerung in Wort, Schrift und Bild, die Pressefreiheit nebst freier Berichterstattung in allen Medien, die Freiheit der Lehre, Wissenschaft und Kunst, freie Wahlen, die freie Wahl des Arbeitsplatzes, des Wohnortes und die Religionsfreiheit. Und nicht zuletzt die Versammlungsfreiheit: Wir Freimaurer dürfen ungefragt, ungestört und wann immer wir wollen zusammentreten. Die prägnante Silbe ist aber auch präsent in den Anglizismen Free-

Jazz, Freestyle, ja sogar im Orcaepos Free Willy, der mit einem Riesensatz über die Mole in die Freiheit entkommt. Unsere Nationalhymne fordert in der ersten Zeile „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Reinhard May singt von der Freiheit, die über den Wolken grenzenlos ist, und Udo Jürgens behauptet: „ich war noch niemals richtig frei“ und weiter „einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n!“ Freisein als besungene Sehnsucht. Diese vier bescheidenen Buchstaben sind ein Fanal unseres Gemeinwesens, das die freie Entfaltung der Persönlichkeit befürwortet. Damit ist Freiheit aber auch eine Verpflichtung des Einzelnen.

 

Freisein und Freiheit wurden - fast unbemerkt - zu unserer selbstverständlichen Lebensgrundlage. Sie sind unser Grundverständnis von Menschsein, von Zusammenleben und Gesellschaft - eigentlich von allem Bedeutenden in unserem Umfeld. Sie begegnen uns auf Schritt und Tritt, nur beachten wir sie kaum, so geläufig und selbstverständlich sind sie präsent. All diese Freiheit sollte aber keineswegs als normale Gegebenheit hingenommen werden. Deshalb ist es wichtig, ab und zu inne zuhalten, um sich vor Augen zu führen, wie viel Leid und Tränen, wie viele unsägliche Mühen es unsere Vorfahren gekostet hat, damit wir uns heute dermaßen frei fühlen können. Sie sind die Eltern, wir die Kinder der Freiheit.

 

Freidenker, zu denen wir uns zählen, sind gewissermaßen die unverzichtbare, mentale Voraussetzung für das Erreichen, aber auch das Bewahren unserer mittlerweile selbstverständlichen, bürgerlichen Freiheiten. Doch nur allzu leicht übersehen wir dabei, dass man im Westteil Deutschlands erst seit kurzen zwei Generationen in Freiheit lebt, die Bürger des Ostteils gerade mal etwas über zehn Jahre. Die jetzige Normalität war unseren Eltern und Großeltern in der Zeit von 1933 bis 1948 versagt, wenn man die Besatzungszeit mit berücksichtigt. Die Unfreiheit im Nazireich war die geistige und physische Katastrophe des Abendlandes in der die Freimaurer verboten waren. Und ausgerechnet in dem von ihr beschlagnahmten Logenhaus in der Moorweidenstraße, einem Gebäude der Gedankenfreiheit, übte die Gestapo ihre unsägliche Gewaltherrschaft im Gau Hamburg aus - wie die Freie Stadt damals hieß.

 

Griffig ist der ADAC-Slogan »Freie Fahrt für freie Bürger«. Hierbei geht es gar nicht ums Schnellfahren, sondern vordringlich um die Möglichkeit, auch mal rasen zu dürfen, also nur um das Freiheitsangebot - wenn es die Umstände erlauben. Freiheit ist also auch eine Art Ventil. Sie ist latent vorhanden, bleibt aber dennoch zum Teil verwehrt und manchmal ein Traum, denn Sie muss zu Gunsten der Allgemeinheit hin und wieder eingeschränkt werden. Als Bürger gilt es deshalb, sensibel zu sein und zu reagieren, damit der Zustand der Freiheit im Kern für alle deutlich spürbar erhalten bleibt, ja möglichst erweitert und nicht mittels Vorschriften und Verordnungen scheibchenweise und klammheimlich durch die Hintertür wieder eingeschränkt wird.

 

Freiheit hat sogar ein weltbekanntes, sechsundvierzig Meter hohes Symbol: Die Freiheitsstatue auf dem Liberty-Island vor New York. Entworfen hat die hoch aufgerichtete Dame mit der Fackel der Freiheit in der emporgereckten Linken und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 in der Rechten, der Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi. Das Monument ist ein Geschenk der Franzosen an das amerikanische Volk und wurde 1886 in einem gemeinsamen Festakt eingeweiht. Die um fünf Jahre ältere, gerade mal zwei Meter messende Originalstatue, steht in Paris am Fuß der Seinebrücke Pont de Grenelle. Vergessen wir nicht, dass die bürgerlichen Freiheiten eine Errungenschaft der Französischen

Revolution von 1789 sind. Im Französischen Konvent waren Freimaurer mit ausschlaggebend für diese neue, alles umwälzende Bewegung – jedoch nicht für deren Auswüchse.

 

Die vorausgehende Epoche der Aufklärung bereitete das Terrain, in der die Gedanken der Freiheit das Bewusstsein der Menschen mehr und mehr durchdrangen. Im Rütlischwur greift Friedrich Schiller diese Strömung auf: »Wir wollen frei sein wie die Väter waren, ... «, und im Don Carlos fordert der Marquis de Posa vom spanischen König: »Sire, geben sie Gedankenfreiheit«. Halten wir uns vor Augen, wir dürften nicht einmal denken, was wir wollen! Solche Vorstellungen sind für uns Heutige geradezu absurd. Goethe wiederum lässt seinen Faust sinnieren: »Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.« Demnach bedeutet Freiheit Leben, verbunden mit Mühen, also eine Aufgabe, der wir uns immer wieder zu stellen haben. So wird der Begriff Frei zu einer der Spuren des Königlichen Weges.

 

Gern ist die Obrigkeit bereit, für sie unbequeme Freiheiten einzuschränken oder gar aufzuheben - grundsätzlich mit fadenscheinigen Begründungen. Doch die kostbare Freiheit darf uns niemals mehr abhanden kommen. Sie ist ein ererbtes Gut, das wir pflegen und unbeschädigt weiterreichen müssen. Deshalb haben wir darauf zu achten, dass sie uns selbst in Ansätzen nicht beschnitten wird. Dieses Abwägen zwischen Frei und - teilweise auch erforderlichem - Einengen, zwischen Staatstreue, und Aufbegehren, ist die Balance moderner Geisteshaltung - und für alle Beteiligten gleichsam ein Eiertanz mit gewaltiger Verantwortung.

 

Freie Menschen, insbesondere solche, die ihre Freiräume mit Zähnen und Klauen verteidigen, sind für Führungskräfte immer unbequem, denn man kann sie so gut wie nicht manipulieren. Warum sonst verfolgen diktatorische Regime die durch und durch friedfertige Freimaurerei? Sicher nicht wegen unserer kleinen, harmlosen Geheimnisse. Die haben ihre Geheimdienste längst ausgeforscht. Der Grund ist ein geistiger: Tyrannen, die wegen ihrer vielen Widersacher ständig um die Macht bangen müssen, fürchten Freidenker noch ärger als der Teufel das Weihwasser. Denn freies Denken innerlich Ungebundener heißt zugleich kritisches Auseinandersetzen mit der Macht. Freidenken bewirkt unausbleiblich über kurz oder lang Veränderung und die passt nun mal nicht in das aufgezwungene, eingleisige Schema einer Diktatur, die allen und allem ihre Fesseln anlegt. Und wehe, einer wagt sie zu sprengen. Da es aber auf Dauer unmöglich ist, ein freies Volk »par Ordre de Mufti« zu regieren, verteufeln Diktaturen alles Freie und unterstellen Freidenkern, Aufrührer zu sein, bezichtigen sie der Zersetzung, der Subversion und Rebellion, mit dem angeblichen Ziel, das Gemeinwesen zerstören zu wollen. Lenin wiederum prägte dialektisch geschliffen den ebenso unsinnigen Begriff der Konterrevolution.

 

Der Durst nach Freiheit ist unstillbar. Durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht sich dieses Phänomen. Auflehnung gegen Unfreiheit hat die Menschheit jedes Mal wieder ein Stück weiter voran gebracht. Nicht von ungefähr waren viele Freiheitskämpfer zugleich Freimaurer: Guiseppe Garibaldi, der Italien einte, George Washington, der die USA in die Unabhängigkeit führte, Simon Bolivar und Benito Juarez die sich gegen spanische Bedrückung erhoben, sowie der für ein freies Amerika kämpfende Franzose Marquis de Lafayette, um nur die berühmtesten zu nennen. Die Revolutionäre und Freimaurer Mirabeau, Marat und Danton standen für die Losung, die nach wie vor das Staatswappen Frankreichs

ziert: liberté - égalité - fraternité, Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit. Letzteres klingt auffallend freimaurerisch. Die anfangs idealismustrunkenen Volkstribune Marat und Danton verrieten später ihre fabelhaften Ideen. Marat wurde im Bade erdolcht, Danton landete auf dem Schafott.

 

Wer nie in Unfreiheit gelebt hat, wird das unbändige Verlangen nach Freisein nur schwer nachempfinden können. Freiheit, das scheint ein Naturgesetz zu sein, setzt sich à la long immer wieder durch, wie uns gerade unsere jüngste Geschichte anschaulich lehrt: Vor kurzem ging ein ganzes Volk für seine Freiheit auf die Straße. Materiell war es ja im großen und ganzen zum Aushalten in der DDR, aber frei war man nicht. Doch endlich frei sein wie der Westen wollte man. So frei sein, dass man reisen kann - wohin auch immer - oder um beispielsweise einer Partei, auch einem Staat den Rücken zu kehren. Das war dort nur möglich mit dem sicheren Risiko einschneidender Eingriffe in die persönliche Freiheit. Die Mauer der Unfreiheit stürzte wie ein Symbol ein. Den Freiheitstaumel durch die Sperranlagen haben wir alle noch gut vor Augen. Und im Anschluss wurde in die Logen Mitteldeutschlands wieder das Licht der Freimaurerei eingebracht.

 

Bei allem Freiheitsdrang gilt es jedoch genau zu beachten, dass extensiv genutzte Freiheit dazu neigt, zu Lasten anderer überstrapaziert zu werden. Die sonst eher verfemte Rosa Luxemburg mahnte: „Freiheit ist zuallererst immer die Freiheit des Anderen.“ Selbstverzicht ist also die beste Vorkehrungen gegen Mißbrauch von Freiheit, andernfalls könnte sie zur Anarchie mutieren. Dann gebiert sie Freibeuter, Freischärler, Franctireurs und Freicorps, Outlaws, die früher für vogelfrei erklärt wurden. Freiheit ist also etwas, das sich jeder zubilligen, auch nehmen darf, aber niemals zu Lasten anderer Freiheitsliebender. Der Drang nach Freiheit hat abzuwägen zwischen Zulassen und Gewähren und soll möglichst schon im Vorfeld alles gerecht austarieren.

 

Frei ist ein kostbarer Schatz, möglicherweise sogar ein Mysterium in unserem Leben und Werden. Hüten wir ihn also mit Argusaugen in der Verpflichtung gegenüber unserer Einstellung, die sich ausdrückt in unserer Einstellung: Frei-Maurer.

 

*

Der Eine

Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
Und wir in Seinen Händen. Matthias Claudius

 

*

Auftakt zum 2. Halbjahr und wichtigster Termin für alle MCL-FM – Mitgliederversammlung und Ökonomischen Loge:    Mittwoch 8 September 2004 um 20°° Uhr

 

*

Zu guter Letzt und zum Ausklang der EM 2004

Das Bruttosozialprodukt ist der neue Tempel. Darin steht das goldene Kalb, genannt Wirtschaftswachstum.     Helmar Nahr

 

Halte dir jeden Tag dreißig Minuten für deine Sorgen frei - und in dieser Zeit mache ein Nickerchen.        Abraham Lincoln

 

Einer will es rot, einer grün, einer schwarz, einer blau. 18 Spieler, 18 Meinungen. Alle wollen entscheiden, sind Egoisten. Aber ich bin der erste Egoist.                     Giovanni Trapattoni

 

 

 

Gefunden im Internet / zur Freiheit der Lehre:

 

Gedankenfreiheit

Vor einiger Zeit rief mich ein Kollege an, ob ich ihm als Schiedsrichter bei der Bewertung eines Prüfungskandidaten zur Verfügung stehen könnte. Er sei der Meinung, dass ein bestimmter Student für die Antwort auf eine physikalische Frage ein Ungenügend verdiene, während der Student die Ansicht vertrat, er hätte die Frage perfekt beantwortet und müßte in einem System, das nicht gegen Studenten arbeite, hervorragend bestanden haben. Der Prüfer und der Student hätten sich auf einen unparteiischen Schiedsrichter geeinigt, und ich wäre ausgewählt worden.

 

Ich ging in das Büro meines Kollegen und las die Prüfungsfrage: "Wie kann man mit Hilfe eines Barometers die Höhe eines großen Gebäudes bestimmen?" Der Student hatte geantwortet: "Man begebe sich mit dem Barometer auf das Dach des Gebäudes, befestige ein langes Seil an dem Barometer, lasse es auf die Straße herunter und messe die hierzu erforderliche Länge des Seiles. Die Länge des Seiles ist gleich der Höhe des Gebäudes."

 

Ich vertrat den Standpunkt, dass der Student die Frage vollständig und korrekt beantwortet habe, dass er daher im Recht sei. Das Zeugnis, das er bei positiver Bewertung seiner Antwort erhalten hätte, wäre allerdings als Bestätigung umfassender Physik-Kenntnisse interpretierbar, wie sie aus seiner Antwort nicht abgelesen werden können. Ich regte daher an, der Student solle einen zweiten Versuch zur Beantwortung der Frage machen. Ich war nicht sehr erstaunt, dass mein Kollege zustimmte, aber ich war erstaunt, dass es der Student tat.

 

Ich gab ihm sechs Minuten, um die Frage zu beantworten, und machte ihn darauf aufmerksam, dass aus seiner Antwort eine entsprechende Kenntnis der Physik hervorgehen müsse. Nach fünf Minuten hatte er noch nichts aufgeschrieben. Ich fragte ihn, ob er aufgeben wollte, doch er verneinte dies. Er habe viele Antworten auf die Frage, denke aber noch darüber nach, welche die beste sei. Ich entschuldigte mich für die Unterbrechung und forderte ihn zum Weitermachen auf. Nach einer Minute hatte er seine Antwort zu Papier gebracht. Sie lautete: "Man bringe das Barometer auf das Dach des Gebäudes, beuge sich über die Brüstung und lasse es in die Tiefe fallen. Dabei beobachte man die Fallzeit mit einer Stoppuhr. Dann errechne man mit Hilfe der Formel H = (g/2)t2 die Höhe des Gebäudes." Zu diesem Zeitpunkt fragte ich meinen Kollegen, ob er nicht aufgeben wollte. Er stimmte zu, und wir gaben beide dem Studenten recht.

 

Beim Verlassen des Büros erinnerte ich mich daran, daß der Student von anderen Lösungen des Problems gesprochen hatte, und ich fragte ihn danach: "Oh ja", sagte der Student, "es gibt viele Methoden, um mit Hilfe eines Barometers die Höhe eines großen Gebäudes zu messen. Z. B. kann man das Barometer an einem sonnigen Tag ins Freie stellen, die Höhe des Barometers und die Länge seines Schattens messen, dann die Schattenlänge des Gebäudes messen und mit Hilfe einfacher Proportionen die Höhe des Gebäudes bestimmen." "Sehr gut", sagte ich. "Und die anderen Lösungen?" "Ja", sagte der Student. "Es gibt eine sehr grundlegende Meßmethode, die Ihnen gefallen wird. Dabei nehmen Sie das Barometer und gehen durch das Stiegenhaus bis zum Dach des Gebäudes hinauf. Bei diesem Aufstieg markieren Sie mit der Länge des Barometers Schritt für Schritt die Wand des Stiegenhauses. Wenn Sie dann die Anzahl der Markierungen zählen, ergibt sich die Höhe des Gebäudes in Barometereinheiten. Eine sehr direkte Methode." "Wenn Sie eine etwas spitzfindigere Methode wollen, so können Sie das Barometer an einem Faden befestigen und es auf Straßenniveau und auf dem Dach des Gebäudes als Pendel schwingen lassen. Aus der Differenz zwischen den zwei Werten von g kann im Prinzip die Höhe des Gebäudes bestimmt werden." "Schließlich", schloss er, "gibt es auch noch viele andere Wege, das Problem zu lösen. Die beste wäre vielleicht, mit dem Barometer im Parterre des Gebäudes zum Hausmeister zu gehen und an seine Tür zu klopfen. Öffnet er, so müsste man ihn fragen: ,Herr Hausmeister, hier habe ich ein schönes Barometer. Wenn Sie mir die Höhe des Gebäudes sagen, dann schenke ich Ihnen dieses Barometer'."

 

An dieser Stelle fragte ich den Studenten, ob er die konventionelle Lösung des Problems wirklich nicht kenne. Er gab zu, dass er sie sehr wohl wisse, dass er aber genug habe von den Versuchen der Schul- und Hochschullehrer, ihm eine bestimmte Art des Denkens aufzudrängen, ihn zur "wissenschaftlichen Methode" zu zwingen und die innere Logik der Dinge in einer überaus pedantischen Weise zu erforschen, wie dies oft in der modernen Mathematik geschieht. Man solle ihm lieber etwas über die Struktur der Dinge beibringen. Aufgrund dieser Überlegungen habe er sich entschlossen, in einer neuen Spielart akademischen Schabernacks die Scholastik wiederzubeleben, um die Sputnikgeschockten Klassenzimmer zu verändern.

 

von Alexander Calandra, aus "Saturday Review" (21.12.1968), S. 60.